Klassenlehrer/in

Klassenlehrerin

Die Rolle des Klassenlehrers und der Klassenlehrerin an der Waldorfschule

“Die Erziehung soll sich hüten, jener Art von Bildung zu verfallen, welche auf das Ende hinweist, anstatt auf dem Wege selbst zu beglücken.” Johann Wolfgang v. Goethe

 

Jede Klasse einer Waldorfschule hat für die ersten acht Schuljahre ihre/n eigene/n Klassenlehrer/in. Diese/r begleitet die Schüler/innen täglich im sogenannten Hauptunterricht, der zwei Schulstunden umfasst. Der Hauptunterricht gliedert sich in einen Rhythmischen Teil, der stark von Bewegung, Musik und Dichtung geprägt ist, einen Lern- oder Arbeitsteil, in dem die kognitiven Inhalte der jeweiligen Epoche bearbeitet werden, und den sogenannten Erzählteil, in dem den Schüler/inne/n altersgemäß Inhalte aus der Kultur- und Weltgeschichte nahegebracht werden.

So arbeitet der Klassenlehrer (im weiteren Text – der Lesefreundlichkeit halber – nun nur noch die “männlichen” Formen…) auf vielfältige Weise mit seinen Schülern: Er rezitiert und singt mit den Kindern und übt mit ihnen szenisches Spiel. Er führt sie in die Heimatkunde ein, aus der später die Geografie erwächst. Rechnen und Grammatik, der Sachunterricht, die Geschichte und Naturkunde (später Biologie), die beginnende Mathematik, die Grundlagen der Physik und Chemie sind sein Gebiet. Auch Malen und Zeichnen gehören in den Fächerkanon eines Klassenlehrers.

Der Klassenlehrer arbeitet im Team mit den Klassenkollegen, die den Fremdsprachen- oder handwerklich-künstlerischen Unterricht erteilen. In dem Modell der Kreuzberger Waldorfschule ergibt sich eine sehr enge Zusammenarbeit mit einem Sonderpädagogen in jeweils einer Klasse der Stufe. In regelmäßigen Klassenkonferenzen werden Probleme und Erfahrungen ausgetauscht, und es gibt Raum für gegenseitiges Feedback.

Die Schüler bleiben ihre gesamte Schulzeit an der Waldorfschule im Klassenverband. Die Klassengemeinschaft wird durch Ausflüge, Klassenfahrten, gemeinsame Feste, Projekte und Klassenspiele gepflegt und gefestigt, und so wird sie im Laufe der Zeit zu einem verlässlichen sozialen Gefüge, das Sicherheit gibt. Auf die unterschiedlichen Lernbegabungen wird durch binnendifferenzierten Unterricht, Therapien und Förderunterricht eingegangen.

Da Kinder nachweislich leichter lernen, wenn sie Schwerpunkte setzen können, behandelt der Klassenlehrer seinen Stoff im Hauptunterricht epochenweise. Die drei- bis vierwöchigen Epochen widmen sich zusammenhängend einem spezifischen Thema aus dem Lehrplan. Daneben gibt es mehrmals in der Woche die Übstunden (später Studienzeiten), in denen in den unteren Klassen besonders die Voraussetzungen zur Beherrschung der Kulturtechniken geübt, in den höheren Klassen Unterrichtsinhalte weiter vertieft und selbstständig erarbeitet werden.

Neben der Vermittlung von Inhalten in unterschiedlichsten Methoden ist eine wesentliche Aufgabe des Klassenlehrers die Beziehungspflege zwischen Lehrer und Schülern und Lehrer und Eltern. Der Klassenlehrer versteht sich als Entwicklungsbegleiter und muss immer wieder den Blick auf den Entwicklungsprozess des Heranwachsenden lenken. Ist er in den ersten Schuljahren geliebtes Vorbild für das Kind, so muss er in den späteren Schuljahren vor der Kritik, der Vernunft und dem Fachwissen der jungen Menschen bestehen können. Neben Vater, Mutter und den Verwandten in der Familie wird der Klassenlehrer zu einer engen Bezugsperson für das Kind. Eine stetige Elternarbeit, die aus regelmäßigen Elternabenden und zahlreichen Einzelgesprächen besteht, bildet die Vertrauensgrundlage zwischen Schule und Elternhaus, auf der sich das Kind entfalten und Fähigkeiten entwickeln darf. Diese begleitende Position macht es möglich, dem Kind auch in Krisen beizustehen, es auf Ziele hinzuweisen oder auf die eigene Entwicklung zurückblicken zu lassen. Der Klassenlehrer kann mit dem Faktor Zeit ganz real rechnen. Was er erreichen will, kann er in frühen Jahren anlegen. Gegen Ende der Klassenlehrerzeit kann er anfänglich erahnen, zu welcher Individualität sich jedes einzelne Kind entwickeln will.

Maja Junge, Klassenlehrerin

“Das Geheimnis der Erziehungskunst ist der Respekt vor dem Schüler.”
Ralph Waldo Emerson