Ich mache meine Bilder anders

Im Workshop mit dem blinden Fotografen Gerald Pirner fotografierten und experimentierten Schüler*innen der FWSK mit der Fototechnik des Lightpaintings. Das Projekt ist eine Kooperation der Berlinischen Galerie mit „Young Arts“_Neukölln und „Durchstarten“, dem Förderprogramm für Expert*innen der kulturellen Bildung in Berlin mit unserer Schule.

Die Ausstellung ist das Ergebnis aus der Projektwoche im letzten Schuljahr mit dem Fotografen Gerald Pirner und dem Regisseur und Kameramann Frank Amann und musste auf das Frühjahr 2021 verschoben werden.

Über Sehen, Wahrnehmen und Vorstellungskraft

Workshop und Präsentation

Zuerst besuchten die Schüler*innen die Gruppe die Ausstellung „Umbo. Fotograf“ in der Berlinischen Galerie. Ausgehend von der Notwendigkeit der Bildbeschreibung für blinde Personen näherten sich die Schüler*innen den Bildern an. Ein Teil der Gruppe versuchte die Werke möglichst genau zu erfassen und beschreibend weiter zu geben. Die anderen Schüler*innen hatten verbundene Augen. Sie waren auf die Entwicklung innerer Bilder angewiesen, die ihnen aus den Beschreibungen in ihrer Vorstellungskraft erwuchsen.

Bei der anschließenden fotografischen Arbeit in der Schule nutzten die Schüler*innen ihre Erfahrungen aus dem Museum. Sie haben Gerald Pirner die Ergebnisse ihrer Versuche mit der Technik des Lightpaintings beschrieben. Der blinde Fotograf wiederum hat durch präzise Fragen zu den Beschreibungen die gesamte Gruppe immer genauer an sein nicht-visuelles Sehen von Bildern herangeführt.

So entstand ein Dialog, der nicht nur den Zusammenhang von Bild und Wort dokumentierte, sondern auch das Bild als Bildproduktion darstellte: das Bild als niemals einfach nur gegebenes Faktum, das Bild als immer im Gehirn erzeugtes Wahrnehmungsereignis.

Die Ergebnisse sollten vom 13.-16 November in der Berlinischen Galerie ausgestellt werden. Wegen der aktuellen Corona-Beschränkungen ist die Ausstellung nun auf März oder April 2021 verschoben worden.

„Ich mache meine Bilder anders“

Der blinde Fotograf Gerald Pirner über seine fotografische Arbeitsweise

Die Augen, ein Fernsinn sind sie. Was aber, wenn durch sie erst die Ferne, die Distanz geschaffen werden würde.

Was aber zudem, wenn dieser Fernsinn in einen Teil eines Nahsinns verwandelt werden könnte, wenn das Auge vor allem das protokollierte, was das Berühren, das Tasten an Sinnlichkeit, an Empfindung hervorbringt.

Was aber obendrein, wenn das Bild, das all dies dokumentierte, das innere Bild eines Blinden wäre, ein nicht visuell von ihm wahrnehmbares Bild, ein für ihn dennoch nicht unsichtbares Bild, ein vor allem gespürtes Bild, das auf seine Übersetzung wartet, das nur in Sprache zurückkäme, von dem der Fotograf hören muss, um es wiederzusehen, wiederzusehen, was bislang nur in seinem Inneren zu sehen gewesen war, um sein Inneres darin wiederzuerkennen: eine Fotografie, die beschrieben werden muss, um vom Fotografen gesehen werden zu können .

Was aber, wenn durch eine vollkommen andere Art der Produktion eines Bildes, eines Bildes aus der Haut heraus, einer sehenden Haut, wenn aus ihrem Sehen zugleich etwas spürbar werden würde in Bildern, das den Fotografen als Teil des Gesehenen, der gesehenen Welt und des gesehenen Menschen für diese Welt sichtbar machen würde. Augen in der Haut.

Der Mensch ist Natur und indem er sich von ihr sein Bild macht, beginnt er damit nicht bereits, sich von diesem Natursein zu trennen? Zwischen sich und die Natur Bilder zu schieben, anstatt sie spürend zu erleben, sie in diesem gespürten Erleben als Bilder in seinem Inneren aufkommen zu lassen, die vielleicht eine ganz andere Welt bedeuteten, vor allem eine ganz andere Art des Bildes bedeuten würden. Bilder nicht aus Distanz, Bilder um Nähe zu dokumentieren, Nähe zu Mensch und Natur, zu Welt als Berührung, als Berührung und berührt werden zugleich.


Der Workshop mit Schüler*innen unserer Schule

Der Begriff Fotografie kommt aus dem Griechischen und heißt mit dem Licht(phōs, phōtós)malen (gráphein). Wir malen also mit dem Licht einer Taschenlampe im Dunkeln. Unsere Leinwand ist unsichtbar. Wie ein Maler mit verbundenen Augen malen wir unsere Light Paintings in das Nichts. Während einer Langzeitbelichtung wird das so „lichtbemalte“ Motiv in der Kamera auf dem Filmstreifen oder der Speicherkarte aufgezeichnet und festgehalten.

Das Besondere dieses Workshops war, dass die sehenden Schüler*innen sich auf diesen künstlerischen Prozess einliessen und im Fotostudio radikal auf ihren Sehsinn verzichteten.

Gerald Pirner spricht von einer Art Wahrnehmung der Welt, der Orte, der Menschen, die ausschließlich ohne sehendes Auge stattfindet. Im Erfassen, Produzieren und Fotografieren seiner Bilder setzt Gerald Pirner neben dem Kamera-Equipment ein komplexes Instrumentarium seiner Sinne und gedankliche Imagination ein. „Seine Bilder“ entstehen aus diesem künstlerischen Prozess und führen zurück in ein unmittelbares direktes Erleben der Bilder. Seine Portraits sind damit ein Abdruck, bzw. eine Dokumentation seiner Suche nach der Natur und dem Eigentlichen im Menschen.

Der zusätzliche Mehrwert dieser Annäherung an das Bild für die Schüler*innen ist die Kommunikation über das Motiv, sich gegenseitig Bilder beschreiben, eine Übung die die geübte Bildbeschreibung aus dem Deutsch- und Kunstunterricht sprengt und zu einem radikalen Schauen führt.

Maica Evers, Kunstlehrerin und Projektbegleitung