Eurythmie

Eurythmie wurde um 1912 von Rudolf Steiner (1861-1925) als Bühnenkunst ins Leben gerufen. Als er 1919 die erste Freie Waldorfschule in Stuttgart gründete, wurde Eurythmie von Anfang an in den Lehrplan als künstlerisches Fach aufgenommen. Eurythmie ergreift den Leib durch beseelte Bewegung, und im Gegensatz zum Turnen kommt es bei der Eurythmie einerseits auf die seelische Anteilnahme an, mit der die Bewegung ausgeführt wird, andererseits auf die Tatsache, dass den Bewegungen Gesetzmäßigkeiten zugrunde liegen.

Im Eurythmieunterricht erleben die Schüler, dass Elemente der Sprache nicht nur Kommunikationsmittel sind, nicht nur Begriffe anzeigen, sondern auch Ausdruck seelischer und geistiger Vorgänge sind. Jedem Laut, jedem Ton entspricht eine bestimmte Bewegung, auch Lautgebärde genannt. Ein Ziel des Eurythmieunterrichtes ist es, genau hinzuhören und die Bewegungen zeitgleich im Zusammenklang mit dem Laut auszuführen. Das erfordert hohe Konzentration. Entsprechendes gilt für die Töne, Intervalle und weitere Elemente in Musik und Sprache.

Darüber hinaus schult der Unterricht menschliche Fähigkeiten, die in anderen Fächern und im späteren Leben gebraucht werden: Sozialkompetenz, Geistesgegenwart, Überschau größerer Zusammenhänge, schnelles Handeln, Raumorientierung und die Koordination von Kopf, Armen und Beinen. Auch sollen die Schüler die Fähigkeit entwickeln, gleichzeitig bei sich zu sein und doch ihre Klassenkameraden wahrzunehmen.

Das Fach begleitet die Schüler durch alle Klassenstufen hindurch, in den Klassen 1 bis 4 einmal und in den Klassen 5 bis 12 zweimal pro Woche, und es endet mit einem künstlerischen Abschluss in der 12. Klasse.

 

Zitate von Schüler/inne/n:

„Man soll in der Eurythmie zu sich selber finden: in sich gehen und aus sich heraus gehen können.“

„Eurythmie schafft einen Ausgleich zu geistigen Fächern und entwickelt eine Raumwahrnehmung, ein Gefühl für das eigene Umfeld und das soziale Miteinander.“

„In der Eurythmie soll man im Inneren zu sich selber finden. Man soll sich in jeden Ton, in jedes Intervall hineinversetzen können und spüren, wie schwer manche Bewegungen sind. Man wird vielleicht leichter durchs Leben kommen, da man selber bewusster in der Eurythmie lebt.“

 

Unterstufe

Die Inhalte des Eurythmieunterrichts in den Klassen 1 bis 4 orientieren sich stark an den Inhalten der Hauptunterrichtsepochen und dem Erzählteil im Hauptunterricht. So ist der Unterricht in der 1. Klasse von einer Märchenstimmung geprägt. In der 2. Klasse werden dann kleine Tiergeschichten und Legenden zum Ausgangspunkt der Übungen. So wie sich das Seelenleben der Kinder im 3. Schuljahr differenziert, werden auch die Raumformen komplizierter, und das Kind soll sich selbstständig orientieren können. In der Gestaltung der kleinen und großen Terz bereichert die Musik das Seelenleben. Aus den Sprachbildern kristallisieren sich die Lautgebärden heraus und werden geübt. Diese beiden Prozesse werden im 4. Schuljahr fortgeführt und vertieft. Anknüpfend an die Grammatik im Deutsch-Unterricht erweitern sich die Raumformen durch grammatikalische Formen.

Mittelstufe

Neben der Weiterführung der Übungsgebiete aus der Unterstufe wird in der Mittelstufe nun besonderer Wert auf die Gestaltung der Laut- und Wortgebärden gelegt. Schönheit, Rhythmus und Form der Sprache werden geübt, erlebt und verstanden. Auch in den Jahren der Mittelstufe wird an die Themen des Hauptunterrichts angeknüpft: Aus dem Geschichtsunterricht können die Alten Kulturen eine künstlerische Gestaltung erfahren, die Geometrie kann im Raum erlebbar werden und in der Toneurythmie beginnt das Üben der Intervalle und der Zweistimmigkeit. Auch das dramatische Bewegungselement wird anhand von Balladen und Humoresken geübt. – Begleitet wird der Unterricht von zahlreichen Konzentrations- und Geschicklichkeitsübungen sowie von Stabübungen.

Oberstufe

In der Oberstufe vollzieht sich im Eurythmieunterricht ein deutlicher Umschwung. Was bisher geübt wurde, wird erkenntnismäßig neu ergriffen und gestaltet. Texte und Musikstücke werden in gesetzmäßigen Formen oder frei choreografiert umgesetzt. Es soll die Bewegungsschulung vertieft und der Bewegungsausdruck beherrscht werden. Die Schüler sollen die Eurythmie als „expressionistische“ Kunst erleben. Das Übernehmen des vom Lehrer Vorgebildeten soll weitgehend zurücktreten und dem inneren Engagement und Gestaltungsvermögen der Schüler Raum geben.

Im zwölften Schuljahr gestalten die Jugendlichen ihren Eurythmie-Abschluss, ein künstlerisches Abendprogramm mit öffentlicher Bühnenpräsentation.

Plakat Eurythmie-Abschluss(2)