Elternstimmen

Elternstimmen

Eltern von Waldorfschülern der Freien Waldorfschule Kreuzberg nehmen Stellung zu Fragen, mit denen Waldorfeltern im Alltag häufig konfrontiert sind.

(Umfrage im Gelben Blatt vom 14.2.2006)

  • Werden ausländische Schüler diskriminiert?

# Als Mutter zweier ausländischer Schulkinder, mit einem jüdischen Vater, kann ich diese Frage klar mit NEIN beantworten. Niemals gab es an der Schule etwas, das auch nur annähernd diskriminierend sein könnte. Respekt und Interesse von Seiten der Lehrerschaft und Mitelternschaft wurde immer signalisiert.

# Ich habe mit großen Bedauern und Empörung den Tagesspiegel-Artikel gelesen und möchte auch Stellung nehmen. Meine (türkische) Tochter ist eine wunderbar glückliche Schülerin der 7. Klasse der Waldorfschule.

# Mein Sohn ist väterlicherseits Brasilianer und ich habe bisher noch nie feststellen können, dass er in irgendeiner Form durch seine dunklere Hautfarbe Nachteile an der Schule erlebt hätte. Ganz im Gegenteil (…) für interessierte Mitschüler eröffnen sich neue Sichtweisen auf Elemente aus dem brasilianischen Kulturkreis (Musik, Capoeira) (…)

  • Wie empfinden Sie den Sekten-Vorwurf?

# Es handelt sich meines Erachtens bei der Waldorfschule um eine Institution mit pädagogischem Auftrag. Schule und Kirche sind nicht miteinander zu verwechseln! In der Schule geht es um die Vermittlung von Wissen und um das Erlernen sozialer und emotionaler Fähigkeiten. Der Sekten-Vorwurf kann nur entstehen durch mangelnde Offenheit und Durchsichtigkeit nach außen.

# Ich finde Sekten-Vorwurf absolut falsch und nicht im entfernsten zutreffend. Wir haben immer das lebendige Gefühl gehabt, dass ausländische Kinder als Bereicherung empfunden werden und haben eine sehr Nationalitäten-gemischte Klasse.

# Mein Vorschlag ist, den Lehrplan ausführlich auf diesen Vorwurf zu untersuchen und so zu zeigen, dass der Vorwurf haltlos ist, schon allein durch den geteilten Religionsunterricht in alle Konfessionsrichtungen. (…) Ich selbst bin an einer Schule angestellt, die auf Grundlage anthroposophischer Menschenkunde arbeitet und die im Arbeitsvertrag den Passus unterschreiben lässt, dass der Angestellte sich von den Methoden und Gedanken L. Ron Hubbarts und der auf seinen Lehren beruhenden Vereinigungen distanziert und in keiner Weise zur Anwendung bringt. Es ist traurig, dass so etwas nötig ist.

# Meine drei Kinder haben die Waldorfschule in Berlin bis zum Abitur durchlaufen und auch meine Enkeltochter wird dort hervorragend betreut und auf Ihrem Lebensweg ins Erwachsenwerden sicher und eigene Werte bildend begleitet. (…) Ich bin jedenfalls in den letzten dreißig Jahren in der Waldorfschule stets einem offenen und theologisch nicht
dogmatischen Klima
begegnet. Jedenfalls kenne ich keine staatliche und auch keine evangelische Bildungseinrichtung, in der die Liebe zu den Kindern und das Vertrauen in deren eigene Kraft so deutlich zum Maßstab einer humanen und weltoffenen Erziehung gemacht worden sind. Im Gegenteil, die Waldorfschule hat sehr dazu beigetragen, dass Spiritualität bei mir selbst eine bedenkenswerte Option der Sicht auf die Wirklichkeit geblieben ist.

  • Sind Waldorfschüler in der Leistungsgesellschaft benachteiligt?

# Auch diese Frage kann ich, selbst ehemalige Waldorfschülerin, klar mit NEIN beantworten. Im Gegenteil hat mir in meiner Studienzeit und späteren beruflichen Laufbahn die Fähigkeit, selbstständig Themen erarbeiten zu können und mich umfassend an Themenbereiche anzunähern, sehr viel geholfen. Prüfungssituationen habe ich nie als schwierig empfunden, da ich ohne diesen Leistungsdruck auf den Punkt innerlich immer ruhig bleiben konnte und auch durch die Arbeit in meiner Schulzeit freies Sprechen und Agieren gelernt habe.

# Die in der Waldorfschule entstandenen Netze unter den Kindern haben in ihrem Leben bis heute stabilisierende Funktion. Das hat wenig mit Karma, aber viel mit gegenseitiger Verantwortung und Sich sehr gut kennen zu tun. Sicher habe ich gelegentlich mit Lehrern in Einzelfragen Differenzen gehabt und diese offensiv ausgetragen. Das war nicht schwieriger als in jeder anderen Institution auch.

# Ganz und gar nicht, weil sie lernen, an der Stelle, wo sie sind, zu handeln. Da die Kinder lernen, sie selbst zu sein, werden sie in Zukunft (…) wichtiger denn je werden.

  • Lernen die Kinder überhaupt etwas?

# Ja, die Kinder lernen viel. Vieles was auch im späteren Leben Relevanz hat, ebenso wie alles Notwendige um eine akademische Laufbahn zu beginnen.

# Unsere Tochter entwickelt sich wunderbar,sie hat einen durch die Schule und Ihre Lehrerin geförderten kreativen Schatz in Musik, Handarbeit, Malen und Ideen entwickeln können, für sich und für andere, und ist selbstbewusst.

# Ja, unter anderem das Wichtigste überhaupt: der Sinn für das Zusammenleben in einer Gemeinschaft (…) in einer Zeit, wo Menschen immer mehr leiden unter Vereinzelung (…) eines der wichtigsten Dinge für die Zukunft.  Ansonsten noch: alle Sinne einzusetzen (wichtig für kreative Prozesse und um neue Wege zu finden) und das rhythmische Sprechen – sich ausdrücken zu können, während (…) hierzulande die Unfähigkeit von Kindern, sprechen zu können oder Sätze zu formulieren, zunimmt.

  • Ist die Schule zu realitätsfern im Vergleich zum “harten Alltag”?

# Diese Frage ist nicht leicht zu beantworten. In einigen Punkten sehe ich das so. Es hat viele Jahre nach Beendigung der Schule gebraucht um – vom etwas überheblichen Standpunkt, in der Lage zu sein, die Welt in Ihren Grundfesten verbessern zu wollen – hin zu einem Selbstbild der kleine Schritte zu gehen, das mit den eigenen Idealen einer sozialen, toleranten, friedlichen Welt übereinstimmt.

# Lernen fürs Leben und ganz nah zum “lebendigen Leben”. Waldorfschule ist daher niemals realitätsfern sondern für jeden Schüler behutsam und schützend. Sie lernen alles, nur umfassender, auf bleibende Weise und tiefer. Wir haben absolutes Vertrauen, dass meine Tochter mit diesem Schulweg den richtigen Weg fürs Leben, mit viel Kreativität, finden wird.

# Da die Waldorfschule insgesamt näher dran ist an dem , was den Menschen eigentlich ausmacht oder fördert, was förderlich ist, ist die Vorbereitung für den “harten Alltag” durchaus gegeben. Nur der Mensch, der voll aus seinen Fähigkeiten des Menschseins schöpfen kann, wird bestehen können.

  • Ist die Schule nur für Reiche?

# Vom finanziellen Aufwand her in keinem Fall. Schwierig ist jedoch oft der zeitliche Aufwand, der an Mitarbeit der Eltern gefordert wird; der von einer berufstätigen Mutter von 3 Kindern kaum zu leisten ist. Also wäre “reichsein” gut, um mehr Zeit dafür aufwenden zu können:-)

# Nein, wir sind zur Zeit Sozialgeldempfänger. Der Schulbeitrag, der jeden Monat zu zahlen ist, richtet sich nach dem Einkommen und Verdienst der Eltern. So bin ich in der Lage meinem Sohn diese Grundbildung zu ermöglichen; ein pädagogisches Konzept, das ich für sinnvoller halte, als alle anderen, die mir bekannt sind.

# Nicht zuletzt ist die Schule nicht nur für reiche Leute – wir bezahlen den niedrigsten Schulbeitrag, seit sich unsere finanzielle Lage als Selbstständige nach dem 2. Schuljahr unserer Tochter dramatisch verschlechtert hat. Waldorfschule ist das BESTE was uns bisher passiert ist.

Für ihre Teilnahme danken wir ganz herzlich:

  • Karin Dascal, 2 Kinder auf der fwsk, Heilpraktikerin
  • Dilek Lenglachner, Mutter eines Kindes der fwsk, Sprachlehrerin
  • Okka Tismer, Mutter zweier Kinder der fwsk, Waldorflehrerin
  • Ana Schelugowski, Mutter eines Kindes der fwsk
  • Dr. Udo Knapp, Programm- und Projektmanagement Aufbau Ost bmvbs

… und wir freuen uns über weitere Zuschriften!

Das Web-Team der FWSK, im Februar 2006