Berlin-Kreuzberg, 11. Mar 2010

Johannes Stüttgen – Vortrag am 28. März 2006

Die Herausforderung der Globalisierung und die Bestimmung des Menschen aus der Sicht des erweiterten Kunstbegriffes

Vortrag und Oberstufengespräch mit Johannes Stüttgen am 28. März 2006 von 10 bis 13 Uhr im Saal der Freien Waldorfschule Kreuzberg.

Johannes Stüttgen ist 1945 geboren und wohnt in Düsseldorf. 1966 bis 1971 studierte er an der Kunstakademie in Düsseldorf bei Joseph Beuys. 1971 bis 1980 arbeitete er als Kunsterzieher am Gymnasium in Gelsenkirchen. 1970 beteiligte sich Stüttgen mit Beuys an der Gründung der Organisation für Direkte Demokratie durch Volksabstimmung. Er arbeitete mit am Aufbau der Free International University (FIU), deren Geschäftsführer er von 1980 bis 1986 war. 1987 war er Mitbegründer des Omnibus für Direkte Demokratie. Im September 2004 wurde er für seine Forschungsarbeit an der Sozialen Skulptur und der Direkten Demokratie von der Oxford Brookes University mit der Ehrenmitgliedschaft (Honorary Fellowship) ausgezeichnet.

Im Geschichtsunterricht der Klasse 12 der FWSK lief gleichzeitig der Epochenunterricht zur Geschichte der Philosophie.

Die Schülerin Adris Weis wählte für ihren letzten Aufsatz der Epoche zum 30. April 2006 als Thema den Vortrag von Johannes Stüttgen.

Aufsatz von Adris Weis

(Schülerin Klasse 12 – Philosophie-Epoche)

Der Weg zur sozialen Plastik.
Ein Versuch, einen Impuls zur Wärme-Plastik zu geben.

stuett Durch Joseph Beuys entstand der Gedanke der sozialen Plastik. Seit seinem Tod führt sein ehemaliger Schüler und späterer Mitarbeiter Johannes Stüttgen diesen Gedanken weiter.

Um die Plastik im sozialen Bereich zu sehen, muss unser Kunstbegriff auf jede eigene Tätigkeit des Menschen erweitert werden. Wie ein Maler durch seine Tätigkeit ein Bild künstlerisch entstehen lässt, führt der Mensch mit seinen Gedanken, Worten und Taten eine künstlerische Tätigkeit aus. “Jeder Mensch ist ein Künstler” sagt Joseph Beuys. Jeder Künstler trägt selbst die Verantwortung für die Form seines Kunstwerkes. Deswegen ist auch jeder Mensch verantwortlich für seine individuell ausgeführte Tat.

Diese Tat ist nur künstlerisch, wenn sie aus dem Menschen selbst kommt und nicht, wenn sie von außen diktiert wird. So eröffnet sich dem Menschen die Möglichkeit, sein Leben zu formen und nicht nur das: Der Mensch kann mit der Gemeinschaft die menschliche Gesellschaft formen. Er hat die Möglichkeit, aus seinem Ich heraus ein Kunstwerk zwischen und mit den Menschen zu schaffen. Das ist die soziale Plastik.

vortrag

Johannes Stüttgen behauptet, der Mensch sei schon vor der Geburt ein Mensch und Künstler. Sein größtes künstlerisches Werk sei der Entschluss, geboren zu werden. Diese Behauptung erklärt er dadurch, dass Kinder ab etwa dem dritten Lebensjahr ICH zu sich selbst sagen. Bis zu diesem Zeitpunkt plappert das Kind alles nach, was es hört. Aber “Ich” ist ein Wort, das jeder Mensch nur zu sich selbst sagen kann. Deswegen, meint Stüttgen, müsse der Mensch diese Ich-Empfindung schon vor der Geburt in sich tragen. Ab dem Zeitpunkt, wo das Kind “Ich” zu sich sagt, ist es fähig, Verantwortung zu übernehmen und an der sozialen Plastik teilzuhaben. Dies ist ein langsam beginnender Prozess.

Voraussetzung für die Entstehung der sozialen Plastik ist die Fähigkeit, Verantwortung zu übernehmen. Dafür muss der Mensch sich von den von außen diktierten Grundsätzen, Handlungen und Gewohnheiten befreien. Er muss sein Bewusstsein aus einer Erstarrung lösen und sich selbst aufrichten wie ein neuer Baumschössling sich durch die Erde bricht. Beuys ist der Ansicht, dass Bäume das Leiden der Welt spüren, welches durch die Menschen verursacht würde (Plastik von J.B. “7000 Eichen” in Kassel zur “dokumenta 7″ 1982).

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Nur, wer solche Leiden der Welt wahrnehme, könne durch sie einen neuen Impuls, eine neue Energie gewinnen, um auf eine höhere Bewusstseinsebene zu gelangen. Wir befinden uns in einer Sackgasse der Evolution (siehe das Bild der Basaltsäulen neben den 7000 Eichen), da der Mensch seine Kreativität falsch genutzt habe (Beispiel Atomenergie). Damit der Mensch eine neue Evolution beginnen kann, muss er so empfindlich wie ein Baum werden. Hierbei ist der Austausch zwischen den Menschen (siehe Wilhelm von Humboldts Verständnis menschlicher Bildung) äußerst wichtig.

vortrag

Der Mensch muss sich klar werden über seine eigentlichen Ziele und seine Begriffe neu ordnen. So kommen die Menschen sich näher und erkennen vielleicht, dass sich ihre wahren Wünsche und Bedürfnisse gar nicht so sehr voneinander unterscheiden (siehe die Bedeutung des Denkens bei Steiner). Zu diesem Prozess kann niemand gezwungen werden. Die Freiheit dabei ist sehr wichtig. Sowohl Beuys wie Stüttgen gehen davon aus, dass dieses Bedürfnis, zu einer höheren Ebene zu gelangen, in jedem Menschen verborgen ist.

In der neuen Evolution, die dann durch die menschliche Tätigkeit, seine Arbeit, sein Aufrichten, beginnt und zur sozialen Plastik führt, soll die Politik durch die Kunst ersetzt werden. Außerdem soll eine ideale freie Schule entstehen, ohne Einwirkung des Staates (siehe Humboldts Verständnis von der Selbstverwaltung in den Bildungseinrichtungen). Jede Handlung wäre jetzt eine künstlerische Tätigkeit. Für mich ist dieses Modell der sozialen Plastik sehr ansprechend. Es mag für die meisten sehr idealistisch und undurchführbar klingen, aber ich denke, in der Situation, in der wir uns momentan mit der Welt befinden, brauchen wir Optimismus, um herauszufinden.

Beuys ist mit dieser Vorstellung dem Denken unserer Zeit voraus, aber dennoch glaube ich, dass jeder diese Vorstellung für sich vertreten kann und Gemeinsamkeiten mit Auffassungen von sich selbst finden kann.

Wir sollten die Idee der sozialen Plastik als Impuls nehmen, die ökologische Krise und die Kälte der Welt zu ändern und in eine Wärme-Plastik zu verwandeln. (Adris Weis)

vortrag

Bilder von Maica Evers, FWSK (c)

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