Berlin-Kreuzberg, 12. Mar 2010

Einschulung

Aktueller AKÜKS-Bericht zum Download:

Praxisnahe Evaluation 04/2007 (pdf)
Begleitung der Schuleingangskonzepte in Berlin 2005-2007.

Der Begriff der Schulreife spielt in Berlin bei der Einschulung seit dem Schuljahr 2005/2006 keine Rolle mehr. Im Schulgesetz §42 Abs.1 heißt es:

“Mit Beginn eines Schuljahres (1. August) werden alle Kinder schulpflichtig, die das sechste Lebensjahr vollendet haben oder bis zum folgenden 31. Dezember vollenden werden.”

Damit ist die Schulpflicht im Schnitt um ein halbes Jahr vorgezogen worden. Gleichzeitig wurde die Möglichkeit der Rückstellung wegen fehlender Schulreife abgeschafft. Wer spät im Jahr geboren wurde, wird also schon mit kaum mehr als fünfeinhalb Jahren schulpflichtig. Das gilt für alle Kinder mit Wohnsitz in Berlin.

Die staatlichen Schulen richten eine Schulanfangsphase ein, die die ersten beiden Jahrgangsstufen umfasst, und in der SchülerInnen ein bis drei Jahre verweilen können. So können SchülerInnen auf Antrag der Erziehungsberechtigten von dort vorzeitig in Klasse 3 aufrücken oder aber …

“… ein zusätzliches Schuljahr in der Schulanfangsphase verbleiben, ohne dass dieses Schuljahr auf die Erfüllung der allgemeinen Schulpflicht angerechnet wird”. (§20 BerSchulG)

Für Schulen in freier Trägerschaft, also auch Waldorfschulen, gelten diese gesetzlichen Regelungen über die Gestaltung der “Schulanfangsphase” in Berlin jedoch nicht.

In einer über zweijährigen Entwicklungsphase haben VertreterInnen der verschiedenen Berliner (und auch Brandenburger) Waldorfschulen und -kindergärten gemeinsam beraten, wie der Übergang vom Kindergarten zur Schule bzw. die Schuleingangsstufe sinnvoll gestaltet werden kann. Dabei kam es zu verschiedenen Ansätzen, so dass die Schulen in das Schuljahr 2005/2006 mit unterschiedlichen Konzepten gestartet sind.

Für die Entwicklung des Kreuzberger Konzepts waren im Wesentlichen zwei Gesichtspunkte leitend:

  • Wir halten den Begriff der (individuell festzustellenden) Schulreife nach wie vor für relevant und
  • wir schätzen das sog. Königsjahr im Kindergarten für die gesunde Entwicklung der Kinder.

Die Waldorfpädagogik unterscheidet deutlich zwischen Lernen im Elementarbereich und schulischem Lernen. Während das schulische Lernen auf die anleitende Lehrerpersönlichkeit gerichtet ist (Lernen mithilfe der geliebten Autorität), erfolgt das vorschulische Lernen im Wesentlichen freilassend im Spiel (Lernen durch Nachahmung). Ziel des vorschulischen Lernens ist die Entwicklung von elementaren Basiskompetenzen, auf denen sich anschließend schulisches Lernen aufbaut.

Da die Kinder ab 2005 im Schnitt ein halbes Jahr jünger schulpflichtig werden, verschärft sich die Gefahr einer Überforderung. In der Regelschule wurde dies notfalls durch “Sitzenbleiben” wieder ausgeglichen. Ob die betroffenen SchülerInnen das seelisch auch als Ausgleich erlebten, darf bezweifelt werden. Zu frühe schulische Lernanforderungen entziehen den Kindern Kräfte, die sie eigentlich noch zur Ausreifung ihrer sich entwickelnden Leiblichkeit benötigen. Dadurch kann es zu Irritationen mit Auswirkungen bis tief in die gesundheitliche Konstitution kommen.

Wann der Schritt vom vorschulischen zum schulischen Lernen für das einzelne Kind richtig und notwendig ist, hängt nur zum Teil von seinem Alter ab. Entscheidend ist vielmehr der körperliche und der seelische Entwicklungsstand des Kindes, der jeweils individuell geprüft werden muss. Für diese Feststellung des Entwicklungsstandes wird es an der FWSK weiterhin ein Aufnahmegremium geben. Bislang beriet dieses Gremium die Eltern auch in der Frage einer eventuellen Zurückstellung. In Zukunft darf es aber keine Rückstellungen mehr geben.

Zum Wohl dieser Kinder wird die FWSK deshalb Schuleingangsgruppen einrichten, deren pädagogischer Schwerpunkt im Bereich des Lernens liegen wird, das bisher als vorschulisches Lernen galt, nun aber wegen der vorgezogenen Schulpflicht formal als Teil von Schule stattfinden wird. Diese Schuleingangsgruppen werden nicht am Stammsitz der Schule angesiedelt sein, sondern in den umliegenden Waldorfkindergärten als Schulaußenstellen. Denn das Erziehungskonzept der Waldorfkindergärten ermöglicht eine optimale Förderung der Kinder in ihrer Lern- und Entwicklungsphase im Elementarbereich.

Folgende Gesichtspunkte sind hierbei wesentlich:

(vgl. auch: Peter Lang, “Was Kinder brauchen”)

  • Körper- und Bewegungskompetenz: Entwicklung von Grob- und Feinmotorik, Gleichgewichtssinn, Körperwahrnehmung und Körpergefühl
  • Sinnes- und Wahrnehmungskompetenz: Entwicklung der Sinne (Tast-, Eigenbewegungs-, Geschmacks-, Geruchs-, Seh-, Hörsinn etc.) durch Erlebnisse in der realen Welt
  • Sprachkompetenz: Gute sprachliche Vorbilder mit deutlicher, bildhafter Sprache beim täglichen Erzählen oder Vorlesen von sinnvollen Geschichten, außerdem Lieder, Verse, Fingerspiele etc.
  • Phantasie- und Kreativitätskompetenz: Phantasieanregende, d.h. freilassende, nicht genormte Spielzeuge und -materialien.
  • Sozialkompetenz: Entwicklung von Selbstwertgefühl, von Verantwortungsgefühl und Vorbildfunktion in einer altersgemischten Gruppe
  • Motivations- und Konzentrationskompetenz: Erleben von lebensgemäßen Tätigkeiten der Erwachsenen (Hausarbeit, Festvorbereitungen, Handwerk etc.), die gestaltet und zu Ende geführt werden
  • Ethisch-moralische Kompetenz: Regeln, Rituale, Klarheit und Wahrhaftigkeit, Achtung vor anderen Menschen, anderen Kulturen und der Schöpfung. Dankbarkeit und Hilfsbereitschaft

Unter dem sog. Königsjahr verstehen wir das bisher letzte Kindergartenjahr, in dem die ältesten, etwa fünf- bis sechsjährigen Kinder in ihrer Kindergartengruppe eine führende Position erlangen. Sie kennen den Ablauf im Alltag, sie haben Überblick und können auf ganz neue Art initiativ werden und beispielsweise die kleineren Kinder in Rollenspielen anleiten. Jetzt sind sie (endlich) die Großen! Eltern wie auch KindergärtnerInnen bemerken hier gelegentlich, dass diese ältesten, fast schulreifen Kinder sich langweilen, dass sie “mehr bräuchten”, als ihnen im Kindergarten geboten würde, so dass eine frühere Einschulung ganz sinnvoll erscheinen könnte.

Wir halten dagegen, dass es durchaus pädagogisch sinnvoll sein kann, die Kinder durch solche Phasen der Langeweile gehen zu lassen. Sie beginnen in diesem Alter, sich auf neue Art und Weise nach außen zu orientieren. Wird das vom Erwachsenen richtig begleitet, sind diese Phasen immer vorübergehend und die Kinder finden in eine neue kreative Spielphase. So werden sie dazu kommen, eigenes Phantasiepotential zu entdecken und zu aktivieren, was bei einem vorzeitigen Wechsel in die Schule durch die dann ganz anders gearteten Anforderungen oft nicht geschieht. Einer “Mir-ist-langweilig-biete-mir-was-Mentalität“, wie wir sie im Jugend- und Erwachsenenalter heute weit verbreitet finden, muss und kann vorgebaut werden!

Bei der Schulaufnahme wird mit den Erziehungsberechtigten zu beraten sein, ob – je nach Entwicklungsstand ihres Kindes – die 1. Klasse oder die Schuleingangsgruppe als Schuleinstieg in Frage kommt. Diejenigen, die nach einer internen Einschulungs – Untersuchung bereits schulreif sind, werden in die 1. Klasse eingeschult. Alle anderen, die zunächst in eine der Schuleingangsgruppen aufgenommen werden, kommen ein Jahr später automatisch in die dann folgende 1. Klasse.

Dieses zusätzliche Schuleingangsjahr wird (entsprechend des dehnbaren Durchlaufens der Schulanfangsphase staatlicher Schulen) auf die Erfüllung der allgemeinen Schulpflicht nicht angerechnet. Kinder aus anderen Kindergärten oder Kitas, die noch nicht direkt in die 1. Klasse eingeschult werden können, werden in eine der Schulaußenstellen der FWSK aufgenommen.

Eine genaue Einschulungsuntersuchung halten wir nach wie vor für sinnvoll und notwendig, in der der Entwicklungsstand des Kindes erfasst wird, um die richtige Weichenstellung für seinen Schuleintritt vornehmen zu können. Hierbei versuchen wir, die gesundheitliche wie auch die familiär-soziale Vorgeschichte zu erfassen (Elterngespräch) und machen uns ein Bild vom Entwicklungsstand des Kindes. Im Frühjahr 2005 sind wir dreigleisig vorgegangen:

  • Voraussichtlich “schulreife” Kinder (Frühjahrskinder) laden wir zur Einschulungsuntersuchung in die Schule ein, parallel zur Einschulungsuntersuchung führen wir ein Elterngespräch.
  • Voraussichtlich noch nicht “schulreife” Kinder (Herbstkinder), die bereits einen der zukünftigen Schulaußenstellen – Kindergärten besuchen, besuchen wir in ihren Kindergärten und beobachten sie und ihre Spielkameraden im Freispiel. Anschließend findet ein Austausch mit den Kindergärtnerinnen und am nächsten Tag ein Gespräch mit den Eltern statt.
  • Voraussichtlich noch nicht “schulreife” Kinder (Herbstkinder), die in anderen Kindergärten untergebracht sind, laden wir zu kleinen Spielgruppen (jeweils sechs Kinder) in die Schule ein. Parallel zu dieser Spielgruppensituation werden die Elterngespräche geführt.

Gestaltung der Schuleingangsgruppen in den Schulaußenstellen

Die Arbeit in den Schulaußenstellen umfasst folgende Bereiche:

Zur Arbeit der ErzieherInnen mit diesen Kindern gehört ganz wesentlich die Entwicklung der grob- und feinmotorischen Fähigkeiten durch Handarbeiten, Arbeiten mit Holz oder Papier, außerdem Backen und Aquarellieren und alle anderen Tätigkeiten im Kindergartenalltag. Musik und Bewegungsspiele fördern besonders die Sprach- und die Sozialkompetenz. Alle diese Tätigkeiten folgen dem Tages-, Wochen- und Jahresrhythmus des Kindergartens.

Ziel: altersgemäße Entwicklung der Grob- und Feinmotorik, sowie Förderung der Sprach- und Sozialkompetenz.

Der Eurythmieunterricht findet gemeinsam mit allen Kindergartenkindern statt, wobei kompliziertere Übungen und Formen mit den Schulkindern allein geübt werden, während die Kleineren zuschauen.

Ziel: altersgemäße Entwicklung der Grob- und Feinmotorik sowie Förderung von Rhythmusgefühl und Sozialkompetenz.

EinE Werk- oder GartenbaulehrerIn wird die Kinder in einer oder zwei Lerneinheiten im Jahr durch sachgerechtes Arbeiten am Werkstoff über die Nachahmung spielerisch und indirekt lehrend mit der Welt des Handwerks vertraut machen, so dass sie echte handwerkliche Arbeit erleben. Insbesondere die Schulkinder werden diese vorbildliche Beschäftigung mit Interesse verfolgen und versuchen, ebenfalls in handwerkliche Tätigkeiten einzusteigen, was von den ErzieherInnen begleitet und unterstützt wird.

Ziel: Anregung der Eigentätigkeit und der phantasievollen eigenen Umsetzung.

EinE GrundschullehrerIn erteilt alleine den Schulkindern sog. Elementarunterricht mit Schwerpunkten im Bereich des Musikalisch-Rhythmischen wie auch des Spielturnens (erste Regelspiele). Außerdem können z.B. Elemente des Formenzeichnens oder einer Fremdsprache einbezogen werden, je nach Erfordernis von Seiten der SchülerInnen. Dafür sind drei Unterrichtsstunden pro Woche vorgesehen.

Ziel: Einstimmung auf klassisches schulisches Lernen durch gezielte Anregungen und Aufgabenstellungen.

In folgenden Waldorfkindergärten hat die FWSK Schuleingangsgruppen eingerichtet (sog. Schulaußenstellen):

  • Waldorf-Kindergarten Alte Jakobstraße
  • Waldorf-Kindergarten im Forum Kreuzberg
  • Außenstelle “Görlitzer Park”, bestehend aus:
    Waldorf-Kinderladen Hollerbusch
    Waldorf-Kindergarten Lindenbaum
    Waldorf-Kindergarten-Initiative Munkelrübe

Das hier beschriebene neue Modell einer Schuleingangsstufe an der FWSK wird seit Anfang des Schuljahr 2005/2006 umgesetzt. Alle Beteiligten sind zu einer sorgfältigen Dokumentation verpflichtet worden. Die Delegation “Pädagogische Entwicklung” begleitet und überwacht die Durchführung des Modells und wird in Zusammenarbeit mit den ErzieherInnen der Schulaußenstellen ggf. Modifikationen vornehmen.

Die Dokumentation und Evaluation erfolgt in Zusammenarbeit und im Vergleich mit den weiteren, an den anderen Berliner Waldorfschulen entwickelten Eingangsstufen-Konzepten, und zwar unter Anleitung von AKÜKS (= Arbeitskreis Übergang vom Kindergarten zur Schule: Margarete Kaiser, Dr. Claudia McKeen, Martyn Rawson und Konrad Schmidt, beauftragt vom Bund der Freien Waldorfschulen und der Internationalen Vereinigung der Waldorfkindergärten). Ein erster Zwischenbericht über den Stand von “Doku & Eva” liegt bereits vor. [Nachtrag: Zweiter Zwischenbericht November 2006 (pdf 250kb)].

Berlin, im Mai 2006

Dr. med. Michael Knoch
Schularzt an der FWSK und Koordinator für AKÜKS in Berlin und Brandenburg

Downloads:

AKÜKS – Projekt

Berlin / Brandenburg Arbeitskreis Übergang Kindergarten – Schule

Externer Link:

FWSK

Schild am Eingang

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