Berlin-Kreuzberg, 12. Mar 2010

Das Sozialpraktikum in der elften Klasse

(aus dem “diary”, dem Berichtsheft, von Maike Kersten)

Garvald ist eine unabhängige Einrichtung für behinderte Erwachsene, die in der Lage sind, verschiedene Tätigkeiten zu erlernen. Es befindet sich 25 Meilen südlich von Edinburgh, wurde 1944 gegründet und basiert auf Ideen von Rudolf Steiner.

Die Behinderten arbeiten in der Bäckerei, der Weberei, der Tischlerei, in einer Korbflechtwerkstatt, in der Küche, im Garten und in der Wäscherei. Sie leben mit ihren Betreuern zusammen in den vier Häusern “Linden”, “Hill Cottage”, “Sycamore House” und “Rowan”.

Ich komme ins Sycamore, wo ich schlafen soll. In diesem Haus sind Behinderte untergebracht, die selbstständig sind und zum größten Teil sprechen können. Es gibt eine Hausmutter, Monica, die mit ihrer Familie in Garvald lebt, und fünf andere Betreuer, die aus Dänemark oder Deutschland kommen und hier ihr soziales Jahr machen.

Arbeiten und essen werde ich in “Linden”, wo eher Schwierige und Betreuungsbedürftige untergebracht sind. Zum Beispiel Leslie, der sehr gut arbeiten kann, sich aber weigert, irgend etwas außer Tischdecken zu machen. Sharon, die nicht sprechen und arbeiten kann, ist gerade auf einer strengen Diät und schreit die ganze Zeit herum. Lynn, sie kann nicht reden, muß jeden umarmen, ist aber sehr lieb. Scott, kann nicht reden, ist sehr betreuungsbedürtig; wenn er zu viel isst, erstickt er. Und Fiona, Roshene, Irvine und Nathan sind selbstständig und gehen arbeiten. Weil Leslie Geburtstag hat und es sein kann, dass seine Eltern kommen, muß ich sein Zimmer sauber machen. Er haßt staubsaugen, setzt sich auf sein Bett und hält sich seine Ohren zu.

Als wir nach Peebles zum Schwimmen fahren, hat Sharon keine Lust und weigert sich standhaft, aus dem Auto zu steigen. So bleibt Almuth zusammen mit Sharon im Auto zurück.

Heute habe ich an einem Schal gewebt. Lynn soll mir dabei helfen. Sie hat aber keine Lust dazu. Deshalb habe ich mich an die Kardätschmaschine gesetzt. Alle paar Minuten kommt sie und beginnt irre schnell zu kurbeln, und dann wieder wegzulaufen. Sie ist sehr aufgeregt und nervös, weil nächsten Montag ihr Geburtstag ist. Lynn soll zu ihrem Geburtstag neue Vorhänge und einen neuen Bettüberwurf bekommen. Da der Vorhang aber zu lang ist und die Decke das falsche Format hat, habe ich den Vormittag an der Nähmaschine verbracht. Außderdem habe ich den Geburtstagskuchen für Lynn gebacken.

Scott ist sehr aggressiv. Wenn fremde Personen ihm zu nahe kommen, geht er auf sie zu und tritt. Er hat mich bereits beim ersten Mal angegriffen. Als ich heute mangels Ausweichmöglichkeiten an ihm vorbeigehen musste, hat er mich wieder getreten, allerdings nicht so aggressiv und zielstrebig wie beim ersten Mal.

Als ich mit Fiona Wolle kardätscht habe, musste ich sie nach jeder Drehung darauf hinweisen, dass sie weiter kurbeln soll.

Nachmittags bin ich in Edinburgh mit in den Zoo gegangen. Roshene ist nicht an den Tieren interessiert. Sie ist damit beschäftigt, Zeug vom Boden aufzuheben. Ich muß darauf achten, dass sie nur Stöckchen aufhebt. Plastik nimmt sie in den Mund und isst es.

Abends haben wir uns “City of angels” in Hill Cottage angesehen. Nathan hat hinterher stundenlang von dem “monkey-film” erzählt.

Heute bin ich zu einer Camphill-Einrichtung in der Nähe von Aberdeen gefahren. Es gibt vier Häuser dort, in denen die “students” mit ihren Betreuern wohnen. Ein Betreuer ist für zwei “students” rund um die Uhr verantwortlich. Dadurh ist die VErantwortung klarer und man weiß besser bescheid über ihn. Ungünstig ist allerdings, wenn der zuständige Betreuer mit seinem “student” nicht klar kommt. In Garvald ist das nicht so schlimm, weil sich ja mehrere Betreuer um die Behinderten kümmern.

Was auch noch in Maikes Berichtsheft stand.

“Garvald has so many staff coming and going each year that it is sometimes difficult to keep up with all the changes. As you begin to get to know them, they are gone “with the wind”. Occassionally though, someone comes along who breakes the mold, someone a little bit special, with vitality and good heart, that quality applies to Maike. I have heard only good things about her.” – Much love and kisses – Kenny Cuthbertson

FWSK

Schild am Eingang

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