Die Russlandreise in der elften Klasse
(Mit Bildern aus der Ausstellung 12 Sandsteinkapitelle und ein fotografisches Tagebuch “St.Petersburg / Berlin”, 30.10.-15.11.07 Humboldt Universität Berlin | Projekt der Waldorfschulen Berlin-Mitte und Kreuzberg zusammen mit Austauschschülern aus St. Petersburg)
(Bericht von Ludmilla Duwidowitsch)
Warum halte ich die Russlandreise, die an unserer Schule in den letzten fünf Jahren einerseits schon zur Tradition geworden, andererseits von allen Klassenfahrten die meist umstrittene ist, für so wichtig?
Nach neun bis zehn Jahren Russischunterricht fahren die Schüler in das Land, wo Russisch tatsächlich täglich von Millionen Menschen gesprochen wird. Und für die Schüler sind zwei Wochen im Land mehr Wert als all die Jahre des immer etwas künstlich bleibenden Sprachunterrichts in Deutschland.
Diese Fahrt trägt aber nicht nur sprachliche Früchte. Meistens lernen die Schüler zum ersten mal ein Land kennen, das sich wirtschaftlich in einem ähnlichen Zustand befindet wie Deutschland wenige Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg. Dabei haben sie die Möglichkeit zu sehen, wie die Menschen in Russland bei allen Schwierigkeiten den Alltag bewältigen und versuchen, ein normales Leben zu führen, kulturell etwas auf die Beine zu stellen, Freundschaften zu pflegen, Gäste zu empfangen.
Immer wieder habe ich aber auch erlebt, dass den Schülern auf dieser Fahrt erst klar wurde, mit welchen Möglichkeiten sie selbst zu Hause aufwachsen. Und so ist die Russlandfahrt auch eine große Chance, ihr Leben hier in Deutschland mit einem neuen Bewusstsein zu ergreifen.
Die Durchführung und das Erleben dieser Fahrt fällt jedes Jahr etwas anders aus, da sie maßgeblich von zwei Faktoren abhängt: Einerseits vom Reifegrad der Klasse, andererseits von den jüngsten Ereignissen bzw. der politischen Entwicklung in dem sich rasant wandelnden Staat.
In diesem Sommer waren der Reise besonders schreckliche Ereignisse vorangegangen: der Untergang der Kurski und die Bombenexplosionen in einem Moskauer Mietshaus und der Metro. Da machten die diesjährigen Russlandfahrer als erste Klasse unserer Schule die Erfahrung, dass „die“ Russen nicht lächeln, sondern vorzugsweise grimmig Metro fahren. Doch trotz der überall sichtbaren Armut brannten an der Gedenkstätte für das große Metrounglück, das sich einen Monat zuvor ereignet hatte, stets Kerzen, standen dort immer frische Blumen. An dieser Gedenkstätte im Übergang zwischen zwei Metrostationen im Herzen von Moskau hängen an einer Wand Fotografien, Gedichte und Gebete, die an die Opfer erinnern, und eine Mahntafel bittet: „Lasst uns unsere Trauer. Wir bitten, auf Foto- und Filmaufnahmen zu verzichten“.
Der Bruch zwischen materieller Not und emotionaler Wärme zeigte sich auch in der Schule, in der der Russischunterricht stattfand. Die Toiletten dort waren in einem unbeschreiblichen Zustand, denn die Schule kann von spärlichen Elternspenden jeweils nur eine im Jahr instand setzen lassen, aber die Schüler veranstalteten uns zu Ehren ein eineinhalbstündiges Konzert, auf dem sie Stücke von Mozart, Beethoven und Schubert mit einer solchen Intensität und Professionalität spielten, dass wir uns genierten, unser vorbereitetes Lied zum Besten zu geben. Erst nach einem Gespräch am runden Tisch, bei dem sie sich interessiert und mit großer Anteilnahme nach der Besonderheiten der Waldorfschule und unserem Leben hier erkundigten, wagten auch wir zu singen.
Angesichts der Wirtschaftslage rührt mich immer wieder die Fürsorge der russischen Gastfamilien an. Täglich riefen sie mich an und erkundigten sich, ob sie die Schüler richtig versorgten oder das Richtige auf den Tisch brachten. Sie versuchten, ihnen den Aufenthalt so angenehm und interessant wie möglich zu gestalten. Einzelne veranstalteten sogar Hauskonzerte.

Die stellvertretende Direktorin der neuen Oper ermöglichte uns den Besuch einer geschlossenen Vorstellung der „Polovetzker Tänze“ von Igor Borodin. Dieses Stück wird aufgrund seines Schwierigkeitsgrades an westlichen Bühnen nicht aufgeführt, da es Ballett mit Gesang verbindet. Sie stellte uns die bereits verkauften Karten einer amerikanischen Delegation zur Verfügung und erklärte mir: „Die Amerikaner sind noch zwei Wochen hier. Wir werden eine andere Möglichkeit für Sie finden. Aber ihre Kinder, die trotz dieser schweren Zeiten zu uns gekommen sind, sollen auch ein schönes Stück echter russischer Kultur sehen und die Erinnerung daran mit nach Hause nehmen“.
Es bleibt zu hoffen, dass auch zukünftige Schülergenerationen solche Erfahrungen machen können.

