Berlin-Kreuzberg, 7. Sep 2010

Das Hengstenberg-Projekt

Spiel- und Bewegung – Elfriede Hengstenberg (1892-1992)

Elfriede Hengstenberg war Gymnastiklehrerin in Berlin. Sie beschäftigte sich damit, wie man Kindern eine natürliche Umgebung gestalten kann, in der sie sich ganzheitlich entfalten und/oder sich nach-entfalten können. Schon früh fragte sie danach, wie Kinder, die ihr inneres und äußeres Gleichgewicht verloren hatten, Vertrauen, Ernst, Hingabe und Freude gewinnen können, um an ihre Lebensaufgaben heranzugehen.

Elfriede Hengstenberg wollte keine isolierten Übungen schaffen, die oberflächlich wirken. Sie nahm und entwickelte Geräte, die in engem Zusammenhang mit der Lebenswirklichkeit stehen und die eine natürliche Herausforderung für Kinder bieten.

Die Arbeit nach Elfriede Hengstenberg schafft …

  • Vertrauen in die eigene Geschicklichkeit,
  • kreative Bewegungsmöglichkeiten,
  • Ernsthaftigkeit und Konzentration,
  • realistische Selbsteinschätzung durch Wahl des Schwierigkeitsgrads,
  • zu entdecken, dass Fehler hilfreich sind,
  • die Erfahrung, dass ruhiges und gelassenes Vorgehen nicht anstrengt.

Diese Arbeit steht in engem Zusammenhang mit sinnvoller Förderarbeit. Erst wenn die physischen und psychischen Voraussetzungen geschaffen sind, sind Kinder frei für das Lernen in der Schule.

Hengstenbergarbeit als Beitrag zur Integrationspädagogik

Die Hengstenberg-Arbeit an der Kreuzberger Waldorfschule wurde von der Techniker Krankenkasse (TK) im Zusammenhang mit dem Projekt “Bewegte Schule” 2005 mit 5000 Euro gefördert.


1. Ausgangsposition

Kinder bewegen sich zu wenig. Studien belegen, dass Bewegungsmangel Auswirkungen auf die Lernkompetenz hat. Kindergärten und Schulen bemühen sich deshalb um spezielle Bewegungskonzepte.

Die Freie Waldorfschule Kreuzberg bietet seit mehr als 15 Jahren einen speziellen Förderbereich für die Nachreifung der kindlichen Entwicklung an. Bislang kamen hauptsächlich die Kinder in den Genuss dieser Extrastunde, deren Bedarf an Nachreifung offensichtlich war.

In der Schule steht der Aspekt des Lernens im Vordergrund. Kinder sind von Natur aus lernfähig, doch erst in der Schule ergeben sich Regeln. Die Kinder müssen den altersgerechten Lehrstoff alle zur gleichen Zeit aufnehmen. Dies gelingt manchen Kindern nicht wie vorgesehen – einige brauchen weniger, andere brauchen mehr Zeit.

Die Grundfrage ist: Wie schaffe ich einen Raum und eine Umgebung, in dem die Kinder Respekt und Zutrauen erfahren, einen Ort den sie benötigen, um ihre eigene Entwicklung zu durchlaufen, um sich entfalten zu können und um dann bereit zu sein, sich auf die kognitiven Lernsituationen in der Schule einzustellen.

Gerade Kinder mit Besonderheiten brauchen spezielle Unterstützung, um sich natürlich weiterzuentwickeln. Hier muss Vielfalt und doch Klarheit herrschen.

2. Integration / Kooperation an der Waldorfschule

An der freien Waldorfschule Kreuzberg werden seit Sommer 2003 Kinder mit erhöhtem Förderbedarf aufgenommen und von zwei Pädagogen innerhalb einer Klasse unterrichtet.

An der Waldorfschule wird hauptsächlich gemeinsam unterrichtet. Grundlage dafür ist der Gedanke, dass alle Menschen ein grundsätzliches Recht auf Gleichbehandlung haben. Gleichzeitig wird eine Individualisierung angestrebt, die dem jeweiligen Bedarf jeden Kindes entspricht.

Kooperation verstehen wir deshalb in einem besonderen Zusammenhang: In neuen Fachdiskussionen wird nicht mehr von Integration (= Eingliederung) gesprochen, sondern von Inklusion (= Einschließung). Dies benennt einen Perspektivwechsel und einen Qualitätssprung. Inklusion bedeutet, dass jedes Kind und jeder Mensch das Recht hat, dazuzugehören, und doch ebenso auch ein Recht auf Diversität (= Vielfältigkeit) besitzt. Niemand wird ausgeschlossen. Inklusion sollte somit die Basis jeder Schulform sein. Jede Form und jeder “Schweregrad” von Förderbedarf wird berücksichtigt. Jedes Kind hat eine unterschiedliche Zielvorgabe, jeder Mensch ist für den anderen wichtig und jeder kann für den anderen einen entscheidenden Beitrag schaffen.

3. Durchführung der Hengstenberg-Arbeit an der Schule

Pädagogen, Erzieher und Eltern fragen: Welches Vertrauen kann ich in die Eigenschaften des Kindes setzen, die es befähigen, sich selbst zu entwickeln? Wie kann ich die Entfaltung und Entwicklung der Kinder stärken? Unser Vertrauen in die Kinder und in ihre positive Entwicklung hilft ihnen mehr als der Blick auf Defizite.

Welchen Beitrag leistet die Schule? Welche Voraussetzungen sind nötig? Ausschlaggebend sind die Räumlichkeiten, die Zeit und die Gelassenheit des Erziehers. Sind diese Voraussetzungen erfüllt, lässt sich viel bewegen – und vieles kann sich entwickeln und entfalten. Es muss ein Raum für alle Kinder geschaffen werden, wo sie einfach nur sein können. Was wäre dafür geeigneter, als die Hengstenberg-Arbeit?

Die Kindern wollen in ihrer Individualität gesehen werden und ihre Eltern wählten bewusst eine andere Pädagogik. Die Kinder haben wenig Erfahrung, in einer Gruppe, jenseits des normalen schulischen Reglements, einfach nur sein zu dürfen.

Ablauf einer Hengstenberg-Stunde

Die erste Aufgabe besteht darin, den Kindern Raum zu bieten und für die Stimmung zu sorgen, dass dieser Raum etwas Besonderes ist. Dies ist nicht leicht, da die Kinder diese Ansprache und diese Ruhe innerhalb der Schule nicht gewohnt sind. Es gilt, trotz der Freiheit des Tuns, absolut klare Regeln einzuhalten. Dies ist nicht immer einfach zu gestalten, mit den kleinen Individuen …

Wie schaffe ich also die Stimmung, dass dieser Raum anders ist?

Ich beginne mit einer nicht reglementierten Struktur. Die Besonderheit liegt im Aufbau der Geräte und in der Aufgabenstellung, außerdem in der Ruhe und in dem Platz, den jeder für sich hat.

In Gruppen von 6-7 Kindern, die morgens zum Unterrichtsbeginn für 30 Minuten zu mir kommen, werden die Förderkinder eingebunden: Besondere Kinder mit anderen besonderen Kindern! Ein Kind mit Down-Syndrom, ein hochbegabtes und noch vier weitere kommen regelmäßig über ein ganzes Jahr. Jeder kommt an einem festen Tag in seiner festen Gruppe zu einer festen Zeit in einen gewohnten Raum zu immer derselben Lehrerin. Dieses Setting schafft Sicherheit und Vertrauen.

Langsam werden die Kinder an die Geräte herangeführt. Es ist eine Bewegung von den Übungen am Boden hin zu immer höheren Aufbauten. Jeder arbeitet in seinem Tempo. Keiner wird gedrängt.

Wir arbeiten wochenlang an speziellen Sinnes- und Bewegungsübungen, um uns kennen zu lernen. Wir erzeugen so eine Stimmung, in der wenig reglementiert werden muss, sondern durch das Tun klar wird, welche Regeln herrschen. Die wenigen Regeln werden klar benannt.

Die Kinder arbeiten allein, zu zweit oder in der Gruppe im vorbereiteten Raum. Zunächst ist es für die Kinder nicht leicht, auf der Basis einer einfachen Anleitung eine Zeit lang ein Gerät alleine zu erkunden. Manche Kinder werden schnell satt und wollen weiter, an ein anderes Gerät. Die Kinder wollen sich gegenseitig zeigen, was sie erkundet und herausgefunden haben. So entsteht schnell ein neues Tempo und die Regeln werden wieder wichtig.

Nur durch die eigene Aufmerksamkeit der Kinder und ihr Bei-sich-Bleiben kann dafür Sorge getragen werden, dass kein Kind ausrutscht oder gar abstürzt. Konzentration ist immer notwendig. Durch die realen Gefahren lernen die Kinder, ihren persönlichen Schwierigkeitsgrad so zu bestimmen, dass sie sich selbst einschätzen können – und diese Einschätzung auszuweiteten. Ein Zugewinn an Mut ist immer möglich! Nur eine realistische Selbsteinschätzung ermöglicht freies Tun. Auch Fehler haben ihren Platz – durch sie lernen Kinder. Durch wiederholtes Tun entsteht Sicherheit.

Nicht alle Kinder verfügen über die Ausdauer für immer neue Entdeckungen. Manchen wird es an einem Gerät langweilig. Hier wird die Fragehaltung des Pädagogen an das Kind wichtig: Einfühlsam und doch ein wenig leitend in neue und andere Richtungen. Oder eben zur Freiheit, einfach zu Sein oder auch zuzuschauen.

Ein wichtiger Aspekt: Es gibt keine Turnmatten und kein Netz, das einen auffängt: Die Situation ist echt. So erfahren die Kinder durch ihr Tun Eigenverantwortlichkeit. Sie erfahren auch, dass sie sich selbst vertrauen und dass der Lehrer ihnen vertraut. Nichts ist unmöglich, weil jeder auf sich achtet und alle anderen geachtet sind.

Manchmal steigert sich das Tempo: Die Kinder drängen, das besondere neu aufgebaute, vielversprechende Gerät ausprobieren. Im Laufe des Jahres wird aber die Arbeit an den Geräten ein Eckpfeiler der Toleranz der Kinder untereinander. Jeder respektiert das Tempo des anderen. Es gibt kein Gedränge und es herrscht eine gewissen Gelassenheit, weil alle gesehen werden und sich jeder seine Zeit am jeweiligen Gerät nehmen darf.

Dies war und ist der beeindruckendste Aspekt unserer gemeinsamen Arbeit: Wie Toleranz und Gelassenheit entstehen kann durch einfaches Turnen an Holzgeräten. Achtsamkeit, die anders immer schwer zu vermitteln ist, vor allem Kindern in diesem Alter.

Eingebunden-Sein in die Gruppe ist absolut und hundertprozentig möglich, weil jeder Einzelne seine Zeit und seinen Raum bekommt.

Wenn also ein Kind, das mit großen Bewegungsproblemen und einer sehr starken Weitsichtigkeit an die Schule kam, das ganze Jahr über an den Balancierstangen übt, bis es schafft, darauf zu laufen, dann ist das in Ordnung. Für das Kind, für die anderen Kinder – für mich.

Dr. Ulrike Barth, Lehrerin an der fwsk, im März 2006

Weiterführende Links:

FWSK

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