Berlin-Kreuzberg, 18. May 2012

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Stellungnahme zu Vorwürfen gg. Waldorfschulen in der Presse

Stellungnahme zu den Meldungen über Vorwürfe gegen Waldorfschulen (mehr Infos auf waldorf.net und im Tagesspiegel-Artikel)

Von Dr. Arnold Ibing, Berlin-Kreuzberg im Februar 2006

Waldorflehrer und Öffentlichkeitssprecher der Freien Waldorfschule Kreuzberg

Das Christentum ist heute eine zwar verbreitete, aber durchaus angegriffene Religion. Wer zu der Erkenntnis gekommen ist, dass er sich zum Christentum bekennen will, ist einen Weg gegangen, auf dem er viele Widerstände überwunden hat. Was kann es unter bekennenden Christen anderes geben als das erfreute Gespräch auf der Grundlage der Gewissheit, von zentralen Gemeinsamkeiten ausgehen zu können? Es sollte schwer fallen, jemand, der diesen Weg gefunden hat, das Recht abzusprechen, sich Christ nennen zu dürfen.

Rudolf Steiner, der Gründer der Waldorfschulen, hat in seinem Werk eine umfassende, tief bejahende Beschäftigung mit Christus nachgewiesen. Er sieht das Christentum im Zentrum der Anthroposophie und im Zentrum der Waldorfschule. Wenn jemand behauptet, “die Anthroposophen seien keine Christen”, ist das vor diesem Hintergrund absurd.

Da das Werk Rudolf Steiners sowie Grundlagen, Methoden und Lehrpläne der Waldorfschulen veröffentlicht und im allgemeinen Buchhandel zugänglich sind, können alle Eltern offen prüfen, ob sie in Einführungs-Gesprächen und während vieler Elternabende in der Waldorfpraxis einem abgeschlossenen Wissen oder “sektenähnlichen Strukturen” begegnen. Bei diesem Ausmaß offen zugänglichen Wissens über Anthroposophie und Waldorfpädagogik ist eine Beeinflussung der Eltern gegen ihren Willen höchst unwahrscheinlich.

Unmittelbar vor der Gründung der Waldorfschule sagt Steiner zu deren Lehrern:

“Die Waldorfschule soll keine Weltanschauungsschule sein, in der wir die Kinder möglichst mit anthroposophischen Dogmen vollstopfen. Wir wollen keine anthroposophische Dogmatik lehren. Anthroposophie ist kein Lehrinhalt” (GA 293, 1973, S. 206).

Er betont, dass der Religionsunterricht von den kirchlichen Konfessionen und in deren Verantwortung erteilt werde. Diese Aussagen haben eine geradezu konstitutionelle Bedeutung für alle Waldorfschulen. Überdies empfiehlt Steiner, die Beschäftigung mit Anthroposophie nicht vor dem Erwachsenenalter zu beginnen, da sie ganz auf eigener Entscheidung und Erkenntnis begründet sein müsse.

In der Zeit des Kolonialismus und Imperialismus vor dem Ersten Weltkrieg stand Steiner in einem Sprachgebrauch, in dem das Wort “Rasse” in einem Maß üblich war, wie es für uns heute nach Nationalsozialismus und Holocaust tief erschreckend ist. An den Stellen, wo Steiner diesen Begriff verwendet, geht es ihm darum, zu zeigen, wie Völker und Kulturen einander im Ganzen der Weltgeschichte ergänzen. Die Steiner-Gesamtausgabe umfasst etwa 89.000 Seiten. Das Wort Rasse taucht an 162, inzwischen genau untersuchten und kommentierten Stellen auf. Ein Rasse-bezogenes Gedankensystem – und nur ein solches würde den Begriff “Rassismus” rechtfertigen – ist nicht nachweisbar.

Alles dies ist veröffentlichten Untersuchungen zu entnehmen, die seit dem Auftreten dieser Vorwürfe vor etwa 20 Jahren vorgenommen wurden und in den Waldorfschulen bereitliegen. Steiner hat sich vielfach gegen Rasse-bezogene Werte gewandt und die Zukunft der menschlichen Entwicklung in der individuellen, freien Selbstbestimmung gesehen, die von geburtsbezogener Herkunft abgelöst ist.

Am 26. Oktober 1917 sagt Steiner in einem Vortrag:

“ein Mensch, der heute von dem Ideal von Rassen und Nationen und Stammeszugehörigkeiten spricht, der spricht von Niedergangsimpulsen der Menschheit (…) durch nichts wird sich die Menschheit mehr in den Niedergang hineinbringen, als wenn sich die Rassen-, Volks- und Blutsideale fortpflanzen.” (GA 177, S. 206).
In den “Mitteilungen des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus” beschreibt Steiner am 5. Sept. 1900 den Antisemitismus als “Verhöhnung aller Bildungserrungenschaften der neuen Zeit (…) Ich habe im Antisemitismus nie etwas anderes sehen können als eine Anschauung, die bei ihren Trägern auf Inferiorität des Geistes, auf mangelndes Urteilsvermögen und Abgeschmacktheit deutet.”

Wer über Steiner vorträgt und Veranstaltungen verantwortet, sollte diese Tatsachen kennen und wissen, dass eine Themenstellung “Rassismus bei Steiner” vom Kenntnisstand des veröffentlichten Wissens überholt ist.

Dr. Arnold Ibing, Waldorflehrer FWSK

iBa, 6. Februar 2006 | Thema: Lehrer, Schulpolitik
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